Die Ausgangssituation

 Das Laufen hatte ich schon viele Jahre früher entdeckt – so als Ausgleich zum Bürojob und dem Ballett. In den letzten 10-15 Jahren bin ich mal mehr oder weniger gelaufen. Jedoch ohne Trainingsziel und es war mir auch immer egal wie schnell ich einen km abgerissen habe. Typisch waren für mich Läufe etwa 1x pro Woche. Manchmal auch 2x und wenn es unpassend war oder das Wetter nicht mit machte, vergingen auch mal 2-3 Wochen ohne das ich Laufen gegangen bin. Wenn dann war ich etwa 7km unterwegs, ab und an auch mal 10. Tatsächlich habe ich vor ca. 10 Jahren mal einem 10km Silvester-Volkslauf teilgenommen. Das war irgendwie auch cool. Aber es blieb dabei.

Ziemlich genau 4 Monate vor meinem ersten HM hörte ich mit dem Rauchen auf. Und da ich keinesfalls zunehmen wollte, beschloss ich das Sportpensum zu erhöhen. So erhöhte sich mein Laufpensum auf 2x pro Woche, wenn es irgendwie ging und die 10km wurden Standard. Wenn ich mal richtig gut drauf war verlängerte ich die Strecke und brachte auch mal 11, 12 oder 13km nach Hause. Hier ging es nur darum Kalorien zu verbrennen und den Stoffwechsel anzuregen.

Es war 2014 gerade Fußball-WM und beim Rudel-Gucken und Grillen in Schwagers Garten sprachen wir über das Laufen. Mein Schwager (ca. 20 Jahre älter) erzählte von seinem kürzlich gelaufenem ersten Halbmarathon und dass er seitdem nicht mehr Laufen gegangen ist. Ihm fehlte schlichtweg ein neues Ziel. Er suchte sich ein Neues! Einen Halb-Marathon! Er fragte meinen Lebensgefährten und mich, ob wir denn nicht Lust hätten mit zu Laufen. Ich plusterte die Backen auf und winkte ab. Wir laufen ja viel. Aber einen Halbmarathon? Ich habe ja auch noch einen Job? Wann soll ich denn bitte Trainieren? Nein, den Druck brauche ich nicht auch noch. Ich laufe, wann und wenn ich Spaß habe, aber doch nicht unter Vorgaben! Mein Lebensgefährte ließ sich anstecken und meldete sich an. Ich konnte ja jeder Zeit die Anmeldung nachholen. Mein Schwager drückte uns Trainingspläne in die Hand für verschiedene Zielseiten und so. Von nun an ging es um nichts anderes mehr. Was soll ich sagen, bereits einen Tag später rief ich meinen Schwager an, damit er mich auch anmeldet. Er bestätigte mir, dass er dies doch schon längst getan habe, damit wir fortlaufende Startnummern haben. Er hätte genau gewusst, dass ich noch auf den Zug aufspringen würde.

Naja und dann tickte die Uhr. Es waren noch ca. 7 Wochen bis zu meinem ersten Halb-Marathon. Die Trainingspläne waren doch aber alle auf 12 Wochen ausgerichtet und 5x die Woche Laufen? Ohh nein! Ich bin doch auch noch Aerobic Trainer, gebe Kurse, gehe zum Balletttraining und zum Schwimmen und dann ist da ja noch der besagte Job.

Die Trainingsphase

Bis ich mich versah und darüber nachdenken konnte wie ich nun die nächsten Wochen zeitlich gestalten soll, waren es auch nur noch 6 Wochen bis zum Lauf. Zum Glück stand gerade mein Sommerurlaub auf dem Plan. Damit hatte ich jeden Tag Sonntag und konnte mir die Tage wunderbar einteilen. Der diesjährige Urlaub stand mit meinem Freund Norbert nun absolut unter dem Laufstern. Anhand der Trainingspläne von unserem Schwager bastelte ich einen komprimierten für die noch ausstehenden 6 Wochen. Und da ging es dann irgendwie ganz schön schnell zur Sache. Die Dauer der Läufe nahm rasant zu. Zum Glück kauften wir uns noch vor dem Urlaub ein zweites Paar Laufschuhe. Ohne das wäre das fast tägliche Lauftraining unmöglich geworden. Nach kurzer Zeit bekam ich massive Beschwerden. Noch vor dem Urlaub und vor der HM-Anmeldung hatte ich mir den Ischias eingeklemmt.  Ich fand einen klasse Chiropraktiker, welcher mir binnen weniger Sekunden ein paar Blockaden im Rücken frei renkte und damit das Nerv-Problem fast löste. Aber eben nur fast. Unterschwellig war es immer noch da und beim längeren Sitzen tat mir schnell der große Pomuskel weh, als hätte ich einen Pferdekuss bekommen. Das macht sich vor allem bei langen Autofahrten gut. Jetzt bei den langen Läufen im Urlaub wurden die Schmerzen im Po und im Muskelansatz zum hinteren Oberschenkel so groß, dass ich bei einer geplanten 120min GA1 Laufeinheit, die letzten 3km nur noch humpelnd ins Ziel kam. Die ganze Hüfte tat weh, als würde mir jemand das Bein absägen. Diese Probleme hielten an und wurden bei jedem Lauf schlimmer. Ich glaubte, mir einen Muskelfaserriss oder ähnliches zugezogen zu haben. Allerdings wollte ich das nicht wahr haben. Denn das würde bedeuten: Sportpause und definitiv kein HM-Training und damit auch kein HM-Lauf. Das war ein ganz furchtbarer Gedanke. Ich war tagelang ungenießbar und schimpfte auf mich selbst, warum ich solche Schwierigkeiten habe. Andere wie mein Schwager oder Norbert sind 10 bzw. 20 Jahre älter. Ich bin das Küken von uns Drei und ich habe die orthopädischen Probleme? Das durfte nicht sein.

Zurück aus dem Urlaub, es waren noch exakt 3 Wochen bis zum Lauf befragte ich eine bekannte Physiotherapeutin. Noch am Sonntagabend habe ich sie genervt. Über eine Skype-Session konnte sie diagnostizieren, dass ich definitiv keinen Muskelriss haben kann. Sie tippte ganz stark auf den Ischias, der sich nicht nur im Rücken bemerkbar machen kann, sondern eben auch die besagten Erscheinungen hervorrufen kann. Machen könne man da nicht viel an dieser Stelle, außer einer Sportpause – Ganz super! Ich war zwar im ersten Moment total happy – kein Muskelriss, kein Sportverbot über Monate. Aber eine empfohlene Pause von wenigstens einer Woche war mir auch nicht recht. Es waren nur noch drei Wochen Training. Ich war quasi in der heißen Phase. Aber es ging auch wirklich nicht. Die Schmerzen waren einfach zu groß. Montag: Laufpause. Dienstag: Laufpause. Ich nervte meine Bekannte ob ich wenigstens Fahrradfahren dürfe. Ein bisschen radeln hat sie mir erlaubt. Also begleitete ich meinen Freund bei seinem Lauf mit dem Rad. Mittwoch: Laufpause. Es wurde nicht besser. Auch mit den empfohlenen Quer-Massageeinheiten. Also auf zum Chiropraktiker. Der schaute mich an und erkannte sehr schnell: okay, es soll schnell gehen – richtig? Er löste nochmal Blockaden, setzte mir eine Spritze zur Lockerung der Muskulatur und setzte mir Akkupunkturnadeln ins Ohr. Mehr kann ich nicht tun, meinte er. Die kleinen Nadeln unter dem Pflästerchen im Ohr pieksten ganz schön vor allem nachts beim Schlafen. Trotz Müdigkeit – Donnerstagmorgen: kleiner Lauftest. Nur so 7km. Es ging gut. Die Schmerzen waren da, aber erträglich und wurden beim Laufen nicht schlimmer. YES!!! Okay, damit kann ich Leben und stieg wieder in das Trainingsprogramm ein. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es wirklich überhaupt kein Problem ist, wenn mal eine Trainingseinheit fehlt. Und die großen Sprüche: die Erholungsphasen und Laufpausen sind wichtiger als die Trainingseinheiten – haben tatsächlich ihre Richtigkeit. Aber ich gebe zu, dass es mit steigender Sucht und Trainingseuphorie schwierig ist, auch mal nicht zu laufen.

Die letzten Tage vor dem Lauf

Die letzte Woche vor dem Lauf ist angebrochen. Nun häufen sich unendlich viele Fragen. Macht es Sinn, sich mit Kohlenhydraten für unterwegs einzudecken? Gibt es unterwegs etwas zu trinken? Wie funktioniert das? So wie man das aus dem Fernsehen kennt, dass einem da Becher hingehalten werden und Bananen und man den Müll dann einfach fallen lässt? Räumt das eigentlich auch wieder jemand auf so im Wald? Kann man am Ziel Getränke stationieren? Wo lässt man seine persönlichen Sachen? Wie weit ist es bis zur Toilette? Ich muss vor dem Lauf bestimmt ständig Pipi machen. Wann sollten wir da sein? Wie anstrengend werden die Berge tatsächlich sein? Laut der Ausschreibung sollten mich und uns 150 Höhenmeter erwarten. Ich habe versucht im Internet die Strecke nach zu bauen. Da kamen viel dramatischere Angaben heraus. Ich hatte unglaublichen Respekt. Unser Schwager blieb total locker. Einfach fröhlich laufen, sagte er. Ich war tagelang nervös wie Kinder vor Weihnachten. Ich schlief kaum und war gedanklich nur bei dem Lauf, weil ich so gespannt und aufgeregt war. Trainingstechnisch waren die letzten Tage fast schon langweilig. Tapern heißt diese Phase. Man könnte sie auch „Gammel“-Phase nennen. Nur so kleine 30min Lockerungsläufe. Dafür aber gut essen und schon ein paar Tage vorher beginnen, Nudeln zu futtern. Die Kohlenhydratspeicher füllen war die Devise und ich hätte nicht gedacht das tatsächlich auch zu fühlen. Einen Tag vor dem Lauf wollte ich vor Kraft und Energie platzen und zählte die Stunden. Nur eine Sorge hatte ich: Was macht mein Pomuskel oder der Oberschenkel oder die Hüfte oder der Ischias und überhaupt. Halte ich den Lauf durch – auch ohne Humpeln? Oft wurde ich gefragt, ob ich mir ein zeitliches Ziel gesetzt habe. Natürlich nicht. Ich wollte ankommen – finishen. Oder doch? Doch ich hatte ein Ziel: Ich wollte vor dem Schwager, welcher schließlich 20 Jahre älter ist ankommen.  Für mich war unser Schwager zwar schon ein HM-profi, schließlich war es schon sein zweiter Lauf, aber mein Ego wollte definitiv vor ihm ankommen.

Der Tag vor dem Lauf war spannend.  Der Lauf fand in der Nähe von Paderborn statt und aus Oberhausen war es uns zu knapp, erst morgens anzureisen. Also reisten wir einen Tag vorab an und quartierten uns bei der lieben Verwandtschaft ein. Das Packen für diese eine Übernachtung wurde abenteuerlich. Fast die Hälfte meines Kleiderschrankes besteht aus Sportbekleidung für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke. Und ich stand da: Was ziehe ich nur an? Welche Hose? Welches Shirt? Lang? Kurz? Mehrere Etagen zum Ausziehen? Sicherheitshalber nahm ich alles doppelt mit. Zwei Paar Schuhe, zwei Garnituren Bekleidung, zwei Pulsuhren, Getränke und Banane für eine ganze Woche und isotonisches Getränkepulver. Wir nahmen sogar unser eigenes Müsli für das Frühstück am nächsten Morgen mit. Wir wollten dem Körper nur keine ungewöhnlichen Dinge antun. Unsere Familie hielt uns für völlig verrückt. Wir hatten sogar unsere eigenen Äpfel, die eigene Milch und den eigenen Kaffee mit.

Interessant war aber auch, dass wir die letzten Tage einen unglaublichen Hunger verspürten. Wir aßen aus unserer Sicht Unmengen und nahmen trotzdem noch ab. Mehrmals täglich Nudeln und Quark. Auch am Abend vor dem Lauf gab es Nudeln. 3 Teller voll. Ehrlich gesagt, hatte ich dann schon Sorgen, dass das zu viel sein könnte. Was passiert, wenn man während des Laufes auf die Toilette muss? Soviel vorab: Es war definitiv nicht zu viel.

Kurz vor dem Lauf

Die Übernachtung in nicht dem eigenen Bett war mir noch ein Dorn im Auge. Was ist, wenn man nun nicht schlafen kann, weil es zu hell, zu dunkel, zu warm oder zu kalt ist?!

6:30Uhr ging bereits der Wecker. Ich habe besser geschlafen als ich erwartet hatte und war nun putzmunter. Innerhalb kürzester Zeit war ich lauffertig angezogen. Zum Glück war die Auswahl der Laufbekleidung nun eingeschränkt. Die Wahl musste ich ja bereits am Vortag treffen. Bereits 7Uhr gab es Frühstück. Selbst mitgebrachter Kaffee, Milch, Müsli und Banane. Noch eine Ladung Isodrinks durfte auch nicht fehlen. Nun hieß es warten und verdauen. Gegen 9Uhr wollten wir am Sportplatz sein, von dem es losging. Diese 2h waren echt langweilig. Wir gingen auf und ab und chatteten mit den Familienmitgliedern: Waren die schon wach? Hatten die anderen auch schon gefrühstückt?

Und dann die Herausforderung der eigenen Verdauung. Das zeitige Frühstück hatte schließlich zwei Gründe. Zum einen damit man zum Start verdaut hat und der Magen nicht so voll ist und damit man vor dem Lauf vernünftig auf die Toilette gehen kann. Denn wenn aus dem Darm heraus ein Störfeuer den Lauf stört, wäre das ja mal ganz blöd. Toi Toi Toi – auch das hat gut geklappt. Auch bei meinem Freund und unserem Schwager. 🙂

Die Ungeduld stieg. Also los. Auf ins Auto, um die wenigen Minuten zum Sportplatz zu fahren. Gegen 8:45Uhr waren wir bereits da. Das Wetter war den ganzen Morgen schon trüb und noch recht frisch. Es sah nach Herbstnebel und Dauernieselregen aus. Aber noch blieb es trocken und wir spazierten über den Sportplatz wo die Stände aufgebaut wurden. Irgendwie erinnerte das an Sportfeste in der Schule. An den verschiedenen Tischen gab es Kuchen und Kaffee. Und auf einem standen ganz viele Pokale und es wirbelten sehr viele Helfer durcheinander, welche fleißig, Schirme aufspannten oder Schilder anbrachten. Ab und an sahen wir auch andere Läufer – eindeutig an der Kleidung zu erkennen. Wir folgten den Schildern zur Dusche, um uns diese schon einmal anzusehen. Auf dem Weg dorthin fanden wir auch die Toiletten, welche ich vor Aufregung noch mehrfach benötigte und den Anmeldestand. Hier gab es dann auch unsere Startnummern. Es war einfach aufregend. Und was passiert nun? Wieder warten? Noch etwas trinken? Noch eine Banane essen? Ja das macht Sinn. Also auf geht’s nochmal zum Auto. Auf dem Weg dorthin begann es zu regnen. Musste das jetzt sein? Es blieb nicht bei „Regen“. Es fing an zu schütten und es sah nicht danach aus, als würde es gleich wieder aufhören. Bevor wir nun platsch nass rumstanden, setzten wir uns wie die anderen auch ins Auto und warteten. Das war nun echt blöd. Naja zumindest hatten wir so unendlich viel Zeit, die Startnummern mit den Sicherheitsnadeln festzustecken. Unser Schwager traf auch endlich ein und huschte zu uns ins Auto. Wir hätten gern die Atmosphäre auf dem Sportplatz erlebt. Etwa 10 vor 10 mussten wir dann raus. 10Uhr sollte es losgehen. Die überdachte mini-Tribüne auf dem Sportplatz war nun Zuflucht für die 50 Läufer und die Besucher und Helfer. Als wir da ankamen waren wir schon komplett nass. Ich fror wie verrückt und konnte mir wahrlich nicht vorstellen, nun gleich so lange zu laufen, so durchgekühlt.

Dann wurde es ernst. Der „Stadionsprecher“ bat die Läufer in die Mitte auf den Sportplatz zum Start, dessen Startlinie man sich zwischen zwei Fahnenpfosten einfach denken musste. Der Sprecher erzählte noch irgendwas, was wir kaum verstanden. Irgendwie erzählte er wo es lang geht und dass an der Strecke KM-Meter Marken angebracht sind und nach wieviel Kilometern Wasserstände zu erwarten waren. Und er entschuldigte sich dafür, dass es im Wald doch ganz schön matschig sei wegen dem Regen.

Dieses Feld von 50 Leuten stand nun an dieser gedachten Linie, die etwa 15m lang war, mehr oder weniger als Klumpen und hibbelte vor sich her. Die meisten froren wie ich und wollten nun einfach nur los. Ich stand quasi zufällig in der ersten Reihe, genau wie mein Freund. Nur unser Schwager hat sich respektvoll etwas weiter hinter uns eingereiht. Noch ein kurzer Check ob die Pulsuhr richtig eingestellt ist, ein kurzes Lächeln zu dem Fotografen, welcher da gerade die Kamera auf die Gruppe hielt und dann Knall – der Startschuss. Es ging los.

Der Lauf

Wie muss es sein, wenn sich bei so einem Start hunderte oder gar tausende Läufer in Bewegung setzen? Die ersten Sekunden waren ein ganz fürchterliches Gefühl. Natürlich lief ich los. Und irgendwie hatte ich den Eindruck ich würde rückwärts laufen. Alle liefen an mir vorbei. Meinen Freund sah ich nach wenigen Sekunden nicht mehr. Es war wie eine Sogwirkung in einem Comic. War ich so langsam? Ich drehte mich rum und erst als ich wahrgenommen hatte, dass da doch noch einige waren, ging es mir besser. Aber auch unseren Schwager sah ich nicht mehr. War der echt an mir vorbei gezogen? Ich drehte mich noch mal um und sah ihn. Okay dachte ich mir. Er ist da. Das Feld hat sich innerhalb der ersten Minute schon unglaublich auseinander gezogen. Es ging runter vom Sportplatz, auf die Straße im Ort, über einen kleinen Kreisverkehr eine Mini-Brücke, rum um die Kurve und schon nach ca.500m begann der lang gezogene Fahrradweg Richtung Wald. Ich war irgendwo mitten drin in diesem Läuferfeld, vermutlich eher hinten als vorne, aber mitten drin. Ich versuchte einen Rhythmus zu finden. Hinter mir waren Läufer, welche sich unterhielten. Unfassbar. Ich hatte nun den Eindruck recht schnell unterwegs zu sein, jetzt wo es auch Läufer um mich herum gab, die irgendwie so schnell waren wie ich. Jetzt schon begann meine Pulsuhr an zu piepsen. Ich hatte vergessen, den Alarm auszuschalten. Meine Uhr sagte mir nun alle 10Sekunden, dass ich meinen idealen Pulsbereich verlassen hatte. Das war mir echt peinlich. Aber ich wusste weder, wie ich den Alarm mal eben abstellen könnte, noch hätte ich mich wohl auf meine Uhr konzentrieren können. Ich war zu tausend Prozent damit beschäftigt, zu laufen. Warum überholten mich die 2-3 Läufer eigentlich nicht, die da scheinbar total dicht an meinen Fersen klebten. Rechts von mir war wohl ein Mädel so eine Schrittlänge hinter mir und links von mir noch so ein Typ in einem grasgrünen Shirt. Es vergingen ein paar Minuten bis ich merkte, dass sich diese 4-5 Läufer an mir orientierten. Sobald ich etwas das Tempo anzog, zogen sie mit und sobald ich einen Krümel nachgelassen habe, blieben sie trotzdem neben und hinter mir. Das war ja jetzt echt verrückt. Warum orientieren die sich an mir? ausgerechnet an mir? ich wusste nicht so richtig, ob ich das nun gut finden sollte und hatte sogar ein wenig Beklemmungen, weil die auch so nach an mir klebten. Nach 2-3km kam eine kleine Metallbrücke. Hier musste man einzeln rüber. Die war einfach zu schmal. Diskussionslos ließ mir mein Läuferschweif den Vortritt. Und kurz nach der Brücke klebten alle wieder an ihren Positionen um mich herum. Echt verrückt. Und dass meine Pulsuhr gnadenlos alle 10Sekunden ihren Alarm von sich gab, schien auch niemanden zu stören. Von Kilometer 3 – 11 etwa ging es langsam aber stetig bergauf. Das Mädel neben mir setzte sich nun doch ab und die beiden hinter mir schoben sich auch Stück für Stück an mir vorbei. Jetzt war ich schon fast beleidigt. Bin ich so viel langsamer geworden? Aber der Typ mit dem grünen Shirt blieb konstant neben mir. keinen Schritt vor mir, keinen Schritt hinter mir. Exakt neben mir. Meine Uhr wurde mir nun noch peinlicher. Tatsächlich entschuldigte ich mich nun für die Belästigung und dass ich jetzt nicht in der Lage bin, das abzuschalten. Da begann der grüne Typ, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Ist das zu fassen? Da sind schon 6oder 7 km rum, der Puls ist deutlich am oberen GA2 Bereich angekommen, es geht leicht bergauf und ich unterhalte mich?! – Naja, ich erfuhr, dass der grüne Typ nun schon zum Dritten Mal so einen Halbmarathon läuft – ein Profi also! Und dass er beim letzten Mal die Erfahrung gemacht hat, dass es sehr wertvoll ist, sich jemanden zu suchen, der exakt sein tempo läuft. Dann macht es mehr Spaß und es ist einfacher, das Tempo zu halten. Natürlich wollte ich wissen, wie er nach den ersten paar hundert Metern schon wusste, dass ich sein tempo laufe. „Glück“ – meinte er. Okay. Irgendwann musste ich aufhören zu reden – sonst hätte ich wohl bald aufhören können. Der grüne Typ blieb aber brav neben mir, obwohl ich ein wenig das Tempo raus genommen hatte, um meine Herzfrequenz etwas zu normalisieren. Zwischenzeitlich dachte ich so: Vielleicht haben die den abgestellt, zum Aufpassen. So nachdem Motto ‚lauf mal neben der mit. Das ist ein Frischling‘. Später stellte sich heraus, dass das völliger Quatsch war.

Unsere Familie (weitere Schwager, Schwägerinnen, Cousinen, Nichten usw.) haben sich alle paar Kilometer an den Kreuzungen im Wald postiert und uns zugejubelt. Bei dem super Wetter waren sie so ziemlich die Einzigen, die sich das angetan haben. Aber irgendwie war das toll. Sie waren da, um anzufeuern und Respekt zu zollen für diesen Weg und das motivierte ungemein, zu lächeln wenn man an ihnen vorbei kam und nochmal das Tempo anzuziehen.

Dann kam das matschige Stück. Jetzt war der grüne Typ neben mir tatsächlich vor gezogen. Auf diesen paar hundert Metern war ein Nebeneinander laufen wirklich nicht möglich. Die ersten Schritte galten noch dem Versuch, festen Untergrund zu erwischen und nicht im Matsch zu versinken. Nach dem ersten fehltritt war das aber auch egal. Also platsch, platsch rein in den Matsch und weiter. Irgendwie war das auch lustig – was jedoch nicht alle so sahen – wie ich später erfuhr. Oben angekommen war eine Trinkstation. Da standen Helfer in Regenjacken und hielten knapp gefüllte Wasserbecher in den Weg. Hier hielt der grüne Typ tatsächlich an, um auf mich zu warten, wo ich ein paar Sekunden länger durch den Matsch brauchte. Das fand ich ja schon wieder beeindruckend. Der wartete tatsächlich auf mich, um dann wieder exakt neben mir weiter zu laufen.

Nach Kilometer 11 war der langgezogene Anstieg geschafft. Ich wusste von dem gut studierten Höhenprofil, dass es jetzt zwar irgendwie nur noch bergab ging, aber eben nur fast. Da waren noch 3 kleine kurze Anstiege. Wie heftig die werden würden, war vorab nicht zu erkennen. Ein zu langes bergab laufen kann auch sehr anstrengend sein und so war es fast schon entspannend, wenn kleine und kurze Anstiege kamen. Meine Herzfrequenz sank deswegen allerdings keineswegs.

Irgendwann kurz nach Kilometer 13 meinte der grüne Typ neben mir, mal ins Gebüsch zu müssen. Das irritierte mich. Nicht dass ich glaubte, da mit zu müssen. Aber sollte ich jetzt auch warten – so als Laufpartner? Oder ist es nun absolut okay weiter zu laufen? Ich war völlig überfragt. Der Egoismus siegte. Ich lief einfach weiter. Wer weiß wie lange der brauchte. Da kann ich schließlich wirklich nicht meinen Lauf zerstören. Kaum jedoch war ich allein, war ich quasi hilflos. Mal unabhängig, dass weit und breit kein Läufer zu sehen war. Das Feld hatte sich schon so weit auseinander gezogen und der Weg schlängelte sich so durch den Wald, dass man eh nicht weit sehen konnte. Aber ich hatte keinen Rhythmus mehr. Wurde ich jetzt langsamer obwohl ich bergab lief? Plötzlich spürte ich meinen Pomuskel wieder und die Anstrengung im Körper kam mir ins Bewusstsein. Nun merkte ich was der grüne Typ meinte mit der Hilfe, die man hat, wenn da einer im gleichen Tempo läuft. Ständig drehte ich mich rum, in der Hoffnung, dass der grüne Typ bald wieder auftauchte. Aber wie sollte das gehen? Er machte diese Pinkelpause und läuft sonst das gleiche tempo.

Und dann kam der letzte Anstieg. Tödlich. Mann war der heftig. Ich blieb im Laufschritt, aber ich pumpte wie ein Maikäfer. Ich war in dem Moment so froh, alleine zu sein. Das wäre bestimmt mega peinlich gewesen, wie ich da gekämpft habe. Aber es war die letzte große Hürde, dann ging es nur noch bergab und ich versuchte meine Herzfrequenz zu normalisieren in dem ich ein wenig das Tempo raus nahm.

Ungefähr nach km 17 war ich aus dem Wald wieder raus auf dem asphaltierten Fahrradweg, welchen ich auf dem Hinweg schon kennengelernt hatte. Jetzt geht’s also nur noch nach Hause. Ich bekam Seitenstechen. Ich wusste, dass ich für den letzten Kilometer nochmal nachlegen wollte, wenn dann der Sportplatz nahte, also musste ich mich jetzt irgendwie ausruhen und die Seitenstechen loswerden. Aber das klappte nicht. Ich entschied, ein paar Meter zu gehen. Meine einzige Sorge war nun, nicht nochmal los laufen zu können, wenn ich einmal den Laufschritt verlassen hatte. In diesen paar Metern tauchte der grüne Typ dann auch wieder auf, welcher sich sichtlich sorgte und fragte ob alles okay sei. Ich schickte ihn weiter. Er solle nicht wegen mir seine Zeit kaputt machen. Die wenigen Meter – es waren wirklich nur 1-2 min – taten sehr gut. Ich kam wieder in Trab. Der grüne Typ hatte nun deutlich Vorsprung und sonst war weit und breit kein Mensch zu sehen. Jetzt nahm ich zum ersten Mal auch Kühe wahr und Maisfelder und Sonnenblumen in den Vorgärten. Noch etwa 1-2 km hatte ich vor mir. Da kam mir eine Läufergruppe entgegen. Anhand der Startnummern mussten dass Läufer von diesem Halbmarathon sein. Später war mir dann klar. Das waren ganz Schnelle die schon auf ihrer Auslaufrunde waren. Zum Glück wurde mir das während meiner letzten Meter nicht bewusst.

Abbiegen über die kleine Brücke, rüber über den kleinen Kreisverkehr, die Straßenseite wechseln und auf den Sportplatz abbiegen. Es wurde nun echt spannend und irgendwie war es nicht möglich das Tempo anzuziehen. Ich hatte das Gefühl, die Beine haben das entschieden, egal ob ich das wollte oder nicht. Ich komme auf der Tartan-Bahn an. Es waren noch etwa 300m bis zum Ziel. Ich hörte den Stadionsprecher irgendetwas durchsagen. Ich verstand nicht viel außer, dass er meine Startnummer nannte und mich scheinbar auf dem Sportplatz willkommen hieß. Mann oh Mann putschte das alles auf. Die Tartanbahn lief sich unglaublich gut, sie gab mir nochmal Kraft und die packte ich auch aus und startete zu einem Endsprint. Da war auch schon Norbert. Er holte mich quasi ab und lief die letzten Meter mit mir und feuerte mich an. Um die letzte Kurve rum dachte ich, dass schaffe ich nicht. Meine Herzfrequenz muss utopisch weit oben gewesen sein. Gern hätte ich auf den letzten 20m noch was drauf gelegt. Aber das war echt nicht drin. Kurz nach dem Zieleinlauf bat mich so ein Typ anzuhalten, um meine Startnummer einzuscannen. Das fand ich ja mal doof. Mein Puls war so weit oben. Ich wollte nicht stehen bleiben. Ich brauchte noch ein paar Meter, um mich zu Normalisieren. Direkt im Ziel gab es isotonische Getränke und alkoholfreies Weizen, um den Mineralhaushalt schnell wieder in den Griff zu bekommen. Der grüne Typ empfing mich schon am Getränkestand. So konnte ich mich wenigstens für sein „mitnehmen“ bedanken.

Ich war wie in Trance und hatte das Bedürfnis unserer Familie zu erzählen, von dem Matsch und den Empfindungen und überhaupt. Jetzt bemerkte ich auch, dass es nicht mehr regnete. Das war doch mal was. Norbert musste mich erinnern, doch vielleicht etwas auszulaufen. Ich hatte mich noch nicht mal gedehnt.

Nun hieß es auf unseren Schwager warten. Das dauerte wirklich lange bis weitere Läufer kamen. Aber sie kamen und dann auch unser Schwager. Er kam genauso alleine  am Sportplatz an wie ich und so wiederholten wir das Abholmanöver auch für ihn.

Die Stunden nach dem Lauf

Jetzt wo alle im Ziel waren und der Puls sich normalisierte wurde es Zeit duschen zu gehen – bevor die nassen Sportsachen auf der Haut und die nassen Haare zum Frieren verleiten. Frisch und warm eingepackt ging es dann zur Family.

Es dauerte so 1-2h seit der Zielankunft. Aber dann ging es los. Hunger, Hunger und nochmals Hunger. Und zwar richtig Hunger! Und die Muskeln – ooohjee. Hinsetzen war schon blöd. Beim Aufstehen tat dann alles weh. Also besser stehen bleiben oder etwas rum laufen. Zum Glück waren die Nudeln und die Gulaschsuppe schon fertig. Das war echt nötig.

Später am Nachmittag stand noch die Heimreise an. Von Paderborn nach Oberhausen waren es normalerweise etwa 1,5h Auto fahrt. Aus irgendeinem Grund gab es an diesem Nachmittag viele Staus. Es war die Hölle für die Muskeln und Gelenke so lange still zu halten. Und für die Blase! Denn nach so viel Wasserzufuhr nach dem Lauf, musste ich ständig Pippi. Welchen Muskelkater würde ich wohl am nächsten Tag bekommen? Ich habe mich auf alles gefasst gemacht.

Der erste Tag nach dem Lauf

Unerwarteter Weise stand ich am Morgen nach dem Lauf mit mäßigem Muskelkater auf. Mein Körper merkte natürlich, dass er eine unglaubliche Leistung gebracht hat. Jedoch hatte ich es schlimmer erwartet. Sogar meine Ischias-Beschwerden hielten sich in Grenzen. Ich hatte hier extreme Beschwerden erwartet. Im Laufe des ersten Tages wurde der Muskelkater sogar immer weniger. Das fand ich gut. Was jedoch deutlich schlimmer war als ich dachte, war der weiterhin anhaltende Hunger. Ich aß auch die nächsten Tage nach dem Lauf unglaublich viele Kohlenhydrate.

Natürlich gönnte ich dem Körper nach dem Tag danach eine Laufpause und gemäß verschiedenen Empfehlungen standen nun einige Tage Sportpause an. Doch ganz so still halten konnte ich nicht. Ich bin am Tag nach dem Lauf abends zum Ballett-Training gegangen und fand meine Kraft in den Oberschenkeln faszinierend. Am Tag 2 nach dem Lauf ging es in die Schwimmhalle. Das war sehr anstrengend. Irgendwie war der Körper diese Art Sport wohl nicht mehr gewöhnt. Und am Tag 3 konnte ich es nicht lassen und zog die Laufschuhe an, für einen lockeren GA1 Lauf über 7km. Während des Laufs war es unheimlich mühsam und ich meinte zu verstehen, wozu Ruhepausen da sind. Doch wieder angekommen nach dieser kleinen Runde ging es mir richtig gut. Damit verliefen die ersten Tage nach dem Lauf, mit einem deutlich geringerem Laufpensum, abwechslungsreichen anderen Sportarten und dem Essen jeder Menge Nudeln, Bananen, Nussriegeln und und und.

Eine Woche nach dem Lauf

Es war noch nicht ganz eine Woche seit dem Halbmarathon vergangen, da puzzelten mein Freund und ich bereits am nächsten Laufziel. Im ersten Moment ging es vermutlich weniger um den nächsten Lauf, sondern mehr um das Training dort hin. Die letzten Tage zeigten uns, dass wir keinen Plan zum Laufen hatten. War heute ein Intervall-Training dran oder ein langer Lauf? Jahrzehnte lang lief ich ohne Plan, einfach so wie es kam und sich anbot. Doch so ein Trainingsplan macht irgendwie auch Spaß. Also recherchierten wir ein paar Stunden, fanden einen schönen Lauf, welcher noch 8 Wochen entfernt war und bauten einen neuen Trainingsplan. So stand schon 1 Woche nach dem ersten Halbmarathon der erste längere Lauf auf dem Plan – ein 100min GA1 Lauf. Und der machte richtig Spaß. Die Futtermengen normalisierten sich wieder und der Körper scheint sich wieder auf ein neues Ziel zu freuen – getreu nach dem Motto: „nach dem Lauf ist vor dem Lauf“.

Teilen erwüscht: